10 August 2021
Lesezeit: 5 min.
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Neue Rebsorten für die Anpassung an den Klimawandel

Das INAO (Institut national de l’origine et de la qualité – Nationales Institut für Herkunft und Qualität) hat im vergangenen April der Aufnahme von sechs neuen Rebsorten zu Anpassungszwecken in die Lastenhefte der AOC Bordeaux und Bordeaux Supérieur zugestimmt. Sie dürfen demnach ab sofort versuchsweise von den Winzern angebaut werden. Welche Konsequenzen hat das für Bordeaux?

In der Gironde ist die Durchschnittstemperatur innerhalb von dreißig Jahren um 1,5 °C gestiegen. Die Auswirkungen auf die Weinberge sind bereits spürbar: Verkürzung des Vegetationszyklus der Reben, Überreife, frühzeitigere Weinlese … und alkoholreichere Weine. „Ich habe vor zwanzig Jahren angefangen zu vinifizieren“, erzählt Xavier Grassies, Kellermeister auf Château Morillon (Campugnan/Blaye). „Wir erzielten Weine mit 12,5 % Alkohol und mussten manchmal sogar chaptalisieren, um den Alkoholgehalt zu steigern. Seit rund zehn Jahren hat sich das komplett geändert: Heute ist ein Wein mit weniger als 14,5 % Alkohol eine Seltenheit.“

Aufgrund seiner frühen Reife ist der Merlot (66 % der mit roten Rebsorten bestockten Rebflächen im Bordelais) am stärksten vom Temperaturanstieg betroffen. Wird Bordeaux in der Lage sein, unter immer heißeren Klimabedingungen weiterhin hochwertige und ausgewogene Weine zu produzieren? Über welche Anpassungsmöglichkeiten verfügen die Winzer?

„In den vergangenen dreißig Jahren kämpften die Winzer und Önologen gegen das Klima an, um die Reife der Trauben zu fördern“, erklärt der Önologieforscher Alexandre Pons (ISVV – Universität Bordeaux – Oeno-Gruppe). „Heute erleben wir einen Paradigmenwechsel: Jetzt gilt es, bestmöglich mit den exzessiven Temperaturen und dem Niederschlagsmangel umzugehen. Die gesamte Arbeit in den Weinbergen und in der Kellerei muss neu durchdacht werden. Anders gesagt, wir müssen alles ändern, um nichts zu ändern …“

Nouveaux cépages Bordeaux

 

Eine Versuchsparzelle

Alles ändern? Die Forscher befassen sich bereits seit mehreren Jahren mit neuen Rebsorten, die weniger früh reifen als insbesondere der Merlot.

Die 2009 mit der Unterstützung des CIVB auf einer Versuchsparzelle des INRA (Nationales Institut für Agronomieforschung) Nouvelle-Aquitaine in Villenave d’Ornon angepflanzte Vitadapt-Parzelle umfasst 52 französische und ausländische Rebsorten (Vitis vinifera). Die Forscher untersuchen auf ihr das Verhalten und das Anpassungspotenzial dieser Rebsorten unter sich verändernden Umwelt- und Klimabedingungen, um ihre physiologische Reaktion auf Trockenheit zu quantifizieren.

Die sechs Rebsorten (vier rote und zwei weiße, siehe nebenstehenden Kasten), die ab jetzt versuchsweise* in den AOC Bordeaux und Bordeaux Supérieur angebaut werden dürfen, stammen von dieser Parzelle. „Rebsorten, die zu markant waren oder zu stark vom Bordelaiser Archetyp abwichen, wurden ausgemustert: Es gibt also keine Elsässer oder mediterrane Rebsorten. Auch stand es außer Frage, charakteristische Rebsorten anderer Weinbauregionen zu wählen, wie den für die Côtes du Rhône stehenden Syrah“, erklärt Laurent Charlier, Leiter Forschung, Innovation und Transfer beim CIVB.

 

Pflanzungen haben bereits begonnen

Mehrere Winzer haben das Experiment mit diesen Rebsorten zu Anpassungszwecken bereits in Angriff genommen. So hat das Team von Château Roquefort in Lugassan entschieden, auf einigen Aren seines Kalkplateaus keinen Merlot mehr, sondern versuchsweise Castets und Arinarnoa zu pflanzen. „Wir werden von jeder Sorte 4000 Stöcke pflanzen, um sie unter realen Bedingungen auf unserem Terroir zu testen. Das entspricht einer Fläche von 0,8 Hektar“, erläutert Camille Giai. „Wir werden letztlich sehen, wie wir mit diesen Rebsorten unsere Assemblagen bereichern und unser Angebot für die Verbraucher erweitern können, und gleichzeitig weitere Möglichkeiten der Anpassung an den Klimawandel testen.“

Die gleiche Logik, aber mit einer anderen Rebsorte, verfolgt man auf Château Morillon: „Wir müssen definitiv ein wenig vom Merlot wegkommen und unseren Sortenbestand diversifizieren“, erklärt Xavier Grassies. „Wir haben Ende April 60 Are Marselan gepflanzt, eine Rebsorte, die wir aufgrund ihrer Rondeur, ihres Volumens am Gaumen und ihrer Fülle ausgewählt haben, die aber eben nicht so alkohollastig ist.“

Nouveaux cépages Bordeaux

 

Und der Geschmack der zukünftigen Bordeauxweine?

Wie werden diese neuen Rebsorten die zukünftigen Assemblagen und den Geschmack der Bordeauxweine beeinflussen? Es ist noch zu früh, um diese Frage zu beantworten, auch wenn Xavier Grassies bereits weiß, wie er seine paar Are Marselan, eine Kreuzung aus der für das Bordelais typischen Rebsorte Cabernet Sauvignon und Grenache, vinifizieren wird. „Meine erste Lese wird 2023 stattfinden. Ich werde den Marselan separat vinifizieren und ausbauen und statt mit Holz wahrscheinlich mit Amphoren arbeiten, um ihn so neutral wie möglich zu belassen und seine Frische zu wahren.“

Auf Seiten der Winzer sind noch Fragen offen. Es wird mindestens zehn Jahre dauern, um das Verhalten dieser neuen Rebsorten auf dem Terroir des Bordelais zu beobachten und ihr organoleptisches Profil sowie ihre Rolle in der Assemblage besser zu verstehen. „In zehn Jahren wird sich aber auch der Geschmack der Konsumenten verändert haben!“, betont Laurent Charlier.

Der Forscher Alexandre Pons hingegen möchte den Stellenwert dieser neuen Rebsorten für die Zukunft des Bordelais relativieren. „Das ist bei Weitem nicht die einzige Möglichkeit der Anpassung an den Klimawandel. Wir passen auch bereits unsere Anbaumethoden und das Pflanzmaterial wie die Rebunterlagen an. Außerdem müssen wir die Geschichte von Bordeaux betrachten: Carmenère, Malbec und Petit Verdot sind historische Rebsorten, die ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Es war nie die Rede davon, den gesamten Rebsortenbestand des Bordelais radikal zu ändern und alles aufzugeben, was den Charakter unserer Weine ausmacht!“

*Diese Rebsorten dürfen auf bis zu 5 % der Anbaufläche des Weinguts angepflanzt werden und zu maximal 10 % in die finale Assemblage für die betreffende Weinfarbe einfließen, ohne dass sie auf dem Weinetikett vermerkt werden müssen.

 

Die vier roten Rebsorten

Arinarnoa (INRA, 1956): Kreuzung zwischen Tannat und Cabernet Sauvignon. Geringe Zuckerproduktion, schöne Säure. Erzeugt gut strukturierte, farbintensive und tanninreiche Weine mit komplexen und anhaltenden Aromen.

Castets (aus Südwestfrankreich): eine in Vergessenheit geratene historische Rebsorte aus Bordeaux. Wenig anfällig für Graufäule sowie den Echten und vor allem Falschen Mehltau. Erzeugt farbintensive Lagerweine.

Marselan (INRA, 1961): Kreuzung zwischen Cabernet Sauvignon und Grenache. Spät reifende Rebsorte, wenig anfällig für Graufäule, Echten Mehltau und Milben. Ermöglicht die Erzeugung farbintensiver und typischer Weine von hoher Qualität und mit hohem Reifepotenzial.

Touriga Nacional (aus Portugal): sehr spät reifende Sorte, damit weniger exponiert gegenüber Frühlingsfrost. Keine besondere Anfälligkeit für Pilzkrankheiten, mit Ausnahme der Schwarzfleckenkrankheit. Erzeugt Weine von herausragender Qualität, komplex und aromatisch, kräftig und strukturiert, farbintensiv und mit hohem Reifepotenzial.

 

Die zwei weißen Rebsorten

Alvarinho (von der iberischen Halbinsel): ausgeprägte aromatische Eigenschaften, die den durch die Klimaerwärmung hervorgerufenen Aromenverlust ausgleichen. Wenig anfällig für Graufäule. Durchschnittliches Zuckerpotenzial für die Erzeugung feiner, aromatischer Weine mit schöner Säure.

Liliorila (INRA, 1957): besitzt wie der Alvarinho ausgeprägte aromatische Eigenschaften. Erzeugt aromatische, kräftige und bukettreiche Weine.

 

(Quelle: Syndicat AOC Bordeaux et Bordeaux Supérieur)

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