03 Juni 2021
Lesezeit: 5 min.
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Das Renommee der Bordeauxweine beruht hauptsächlich auf roten Lagerweinen. Diese gehen jedoch heute Hand in Hand mit modernen roten Cuvées, die dank ihres leichten, fruchtigen und erfrischenden Profils bereits jung getrunken werden können und zu erschwinglichen Preisen zu haben sind.

Sie glauben, die roten Bordeauxweine in- und auswendig zu kennen? Dann irren Sie sich! Der Innovationsgeist der Winzer und die Nachfrage der Verbraucher haben überraschende rote Cuvées entstehen lassen, die weicher und süffiger sind als das Image tanninreicher Weine, das bisweilen ausschließlich und zu Unrecht mit den Bordeauxweinen assoziiert wird. Angetrieben von verbessertem technischem Know-how in den Weinbergen und in der Kellerei entspricht diese neue Welle auch dem Wunsch nach nachhaltigeren Arbeitsmethoden. Wir präsentieren sie Ihnen.

Die Wiederentdeckung minoritärer Rebsorten

 Während die Starrebsorten von Bordeaux (Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc) weiterhin die Grundlage der zeitlos-klassischen Cuvées bilden, stehen bei den neuen Rotweinen die minoritären Rebsorten (die 3 % der 89 % roten Rebsorten des Bordelais ausmachen) im Mittelpunkt. Egal, ob Malbec, Petit Verdot oder Carmenère, diese Rebsorten wurden aufgrund ihrer hohen agronomischen Anforderungen lange Zeit vernachlässigt. Einige Winzer sind sich jedoch ihres Potenzials bewusst geworden und haben sie, unterstützt vom technischen Fortschritt, aus der Versenkung hervorgeholt.
Die Verdoppelung der Rebfläche dieser drei Rebsorten von 1564 auf 3192 Hektar innerhalb von zwanzig Jahren ist der Beweis für dieses neu erwachte Interesse. Sie werden bei optimaler Reife gelesen, um ihre aromatische Frische zu wahren, und fließen verstärkt in die Assemblagen ein, sofern sie nicht für die Erzeugung vertraulicher sortenreiner Weine verwendet werden.

Einer von ihnen ist der Petit Verdot, der früher nur ein- bis zweimal pro Jahrzehnt reif wurde, heute jedoch vom Klimawandel begünstigt wird und durch hohe Produktivität überzeugt. Er kommt traditionell auf einen Anteil von 4 bis mitunter sogar 10 % in den Assemblagen, insbesondere in den Crus Classés des Médocs. Einige Weingüter wie das HVE3-zertifizierte Château Belle-Vue (Bordeaux Rouge) stellen einen sortenreinen Wein aus ihm her. Diese Cuvée, die „zum Schutz ihrer Frische und Fruchtigkeit“ in Amphoren und in 400 Liter großen Eichenfässern ausgebaut wird, „präsentiert sich energisch und imposant mit einer schönen Tanninstruktur, umhüllt von köstlichen Aromen roter Früchte wie Kirschen und würzigen Noten.“

Der frühreife Malbec hingegen (in den Regionen des Loire-Tals und von Cahors auch Cot genannt) erzeugt farbintensive, kräftige und würzige Weine mit Aromen von dunklen Früchten und Veilchen. Sie sind tanninreich und dennoch geschmeidig und früher trinkreif als Weine aus Cabernet-Trauben. Die Cuvée L’Éphémère von Château Grenet, ein veganer Bordeaux Rouge aus biologischem Anbau, wird in Behältern aus Edelstahl vergoren und in Betontanks ausgebaut. Sie bietet eine „komplexe und intensive Nase mit Noten von schwarzen Früchten, eingekochten Erdbeeren und Karamell sowie einen runden und kraftvollen Auftakt. Dieser reichhaltige und konzentrierte Wein mit ausgewogener Struktur offenbart straffe Tannine und eine sehr schöne Länge am Gaumen.“

Die frühreife* und wenig ertragreiche Carmenère erzeugt farbintensive, tanninreiche und üppige Weine, die dank ihrer herben Note einen feinen und frischen Eindruck hinterlassen. Das zeigt die Cuvée Carmine des biologischen und biodynamischen Anbau betreibenden Châteaus Le Geai (Bordeaux Supérieur). Sie wird im Tank vinifiziert und zwanzig Monate lang ohne Sulfitzusatz in Amphoren aus Ton ausgebaut.

Dieser Wein präsentiert sich  frisch, lebendig und fruchtig, mit einer nach Cassis, Brombeersträuchern, Paprika und einem Hauch von Gewürzen duftenden Nase und einem langen Gaumen, der geprägt ist von seidiger Substanz und ausdrucksstarker Frucht. Das lange, pfeffrige Finale verlängert diese geschmeidige Dynamik.

Neue Vinifikations- und Ausbaumethoden

Dieser neue Stil von Weinen, die jung getrunken werden können, ohne ein gutes Reifepotenzial missen zu lassen, ist auch das Ergebnis technischer Entwicklungen im Gär- und Lagerkeller. Um die vielfältigen Facetten des Terroirs hervorzuheben, werden die Trauben von der Lese bis zum Abschluss der Vinifikation parzellenweise individuell verarbeitet. Um die „Reinheit der Frucht“ zu wahren, die besonders Stéphane Derenoncourt am Herzen liegt (siehe unser englisches Webinar für Fachleute zum Thema neue Rotweine), werden die menschlichen Eingriffe während der Vinifikation reduziert: kurze Maischestandzeiten, um weniger Tannin zu extrahieren, Verwendung indigener Hefen, sanfte Extraktion mit moderater Remontage und Nutzung der Schwerkraft für eine sanfte Bewegung des Weins.

Auch beim Ausbau liegt der Schwerpunkt verstärkt auf Fruchtigkeit anstatt auf Holzaromen. Barriques kommen in geringerem Umfang zum Einsatz, der Anteil neuer Fässer wird minimiert, die Dauer des Ausbaus verkürzt, die Toastungen sind weniger ausgeprägt. Die traditionelle Bordelaiser Barrique kann mit anderen Holzbehältern kombiniert werden, die aufgrund ihres größeren Fassungsvermögens (500-l-Fässer, Fuder usw.) einen geringeren Einfluss auf die Aroma- und Tanninstruktur haben.

Für diese neuen Cuvées gehen einige Winzer sogar so weit, dass sie ganz auf Holz verzichten und stattdessen Behälter aus neutraleren Materialien bevorzugen, wie Tanks aus Zement oder Edelstahl, Amphoren oder Krüge aus Terrakotta oder Steinzeug mit Fassungsvermögen von 300 bis 1000 Litern, die die Mikrooxygenierung fördern, oder gar eiförmige Tanks. So wird die Cuvée Pervenche von Clos Puy Arnaud (Castillon Côtes de Bordeaux), eine Assemblage aus Merlot und Cabernets, in unbeschichteten Zementtanks vinifiziert und anschließend zu drei Vierteln sechs Monate lang in Zementtanks und zu einem Viertel in Terrakotta-Krügen ausgebaut.

Sie verbindet  die Rondeur und die Lieblichkeit des Merlots mit Noten von roten Früchten und Frische, untermalt von feinen und geschmeidigen Tanninen, die einen reinen und frischen Eindruck am Gaumen hinterlassen.

 

Die Cuvée L’AUTRE Mangot (Saint-Émilion) der Brüder Todeschini ist die Vollendung jahrelanger Forschungsarbeiten rund um die Weinerzeugung ohne Schwefel. Sie gilt als „Fruchtexplosion“, dank einer Vinifikation mit indigenen Hefen ohne Schwefelzusatz und ohne andere Hilfsmittel und eines achtmonatigen Ausbaus in Amphoren und Krügen aus Terrakotta „für komplett neue Verkostungserlebnisse und Kombinationsmöglichkeiten mit Speisen.“

Anmerkung: Vegane Cuvées ohne Sulfitzusatz sind in Bordeaux ebenfalls sehr stark im Kommen.

Ein anderer Blick auf Bordeaux

Oft wählen die Winzer, die sich für diesen Weinstil entscheiden, eine moderne visuelle Identität, um sich in einer Zeit, in der das Atypische im Trend liegt, abzuheben. Diese Cuvées tragen häufig kreative und farbenfrohe Etiketten, weit entfernt vom traditionellen Design der Bordelaiser Châteaus, und werden mitunter in Flaschen präsentiert, die mit den Codes der typischen Bordelaiser Flasche brechen.

Die Originalität dieser neuen Rotweine öffnet auch den Weg zu neuen Servierempfehlungen, besonders in der modernen Küche. Ihr ultimativer Vorteil: ihre sehr erschwinglichen und für eine große Bandbreite an Verbrauchern attraktiven Preise.

* Reife zwischen dem Merlot und dem Cabernet Sauvignon in den technischen Referenzen

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